„EQ schlägt IQ“: Von der Persönlichkeit des Lesers
19. February 2009 | Von Achim Broß | Kategorie: Aus dem DozentenScout, RezensionRezension von Achim Broß
Das Buch von Siegfried Gsell trägt den Titel „EQ schlägt IQ“. Mit EQ bezeichnet der Autor dabei die „emotionale Kompetenz“. Seine These: Das Wissen um Emotionen ist dem reinen Faktenwissen in der Geschäftswelt überlegen. Wer es schafft, einen „guten Draht“ zu seinen Geschäftspartnern, Mitarbeitern, Vorgesetzten aufzubauen, hat es leichter, seine Vorstellungen durchzusetzen.
Als Grundannahme steht für Gsell die These im Mittelpunkt, dass der Mensch ein universelles Streben nach Gleichheit in sich trägt. Der Grund, dass wir trotzdem bisweilen etwas anderes sehen, hören und empfinden als Menschen in einer vergleichbaren Situation, liegt in der je unterschiedlichen (Vor-)Prägung.
Der zentrale Teil des Buches widmet sich dem Versuch, diese unterschiedlichen Prägungen zu typologisieren und zu beschreiben. Als Hilfsmittel bedient sich der Autor zahlreichen Testfragen, mit denen sich der Leser selbst testen kann. Am Ende hat man dreierlei herausgefunden: Ob man eher grün, blau oder rot geprägt ist. Welcher Sinneskanal die eigene Persönlichkeitsstruktur dominiert. Und auf welchem Ohr man besser hört.
Die drei Farben Rot, Grün und Blau entsprechen bei Gsell unterschiedlichen Verarbeitungsmethoden im Hirn, die letztlich zu unterschiedlichen Persönlichkeitsausprägungen zwischen „emotional“ und „rational“ führen. Was sich angesichts von Testergebnissen wie „mehrheitlich Grün mit etwas Blau“ zwar erst einmal wie Astrologie anhört, wird dank wissenschaftlicher Fundierung mit neueren Ergebnissen aus der Hirnforschung doch zugänglich.
Der Test zum Sinneskanal bringt in Erfahrung, ob man selbst eher ein fühlender, hörender oder sehender Typ ist. In Verbindung mit dem Drei-Farben-Modell lässt sich so ein Bild persönlicher Erfolgsfaktoren, innerer Konflikten, Begrenzungen, aber auch von Chancen und Risiken zeichnen. Dabei kommt auch der private Bereich nicht zu kurz, was durchaus eine Stärke des Gsell’schen Ansatzes ist.
Die Frage, warum Menschen das Gleiche durchaus unterschiedlich interpretieren, kann auch durch die unterschiedlichen Aspekte einer Nachricht beantwortet werden. Gsell führt vier Aspekte – die Sache, die Selbstdarstellung, den Appell und den Beziehungsaspekt – an, die bei einer Nachricht im Vordergrund stehen können. Auch dies ist plausibel und fast hätte man sich gewünscht, dass der Autor hier noch tiefer schürft, um die Verbindungen zu den reichen Ergebnissen der Literatur- und Sprachwissenschaft in Bezug auf dieses Kommunikationsmodell aufzudecken.
Letztlich stellt sich die Frage, ob die These der festgelegten Prägung einer Persönlichkeit nicht der Möglichkeit widerspricht, die eigene Persönlichkeit zu trainieren. Hier dürfte klar werden, dass Coaching für den Autor nicht Umpolen von Leuten bedeutet. Gsell dürfte den Coach stattdessen als Mittler und Helfer sehen, der Vorgänge transparent macht und Implizites deutlich hervortreten lässt. In diesem Sinne stellt sein Buch den Versuch dar, ein umfassendes Persönlichkeitsbild des Lesers zu zeichnen. Was durchaus ein Grund sein dürfte, es zu kaufen.
