Ein interkultureller Trainer-Fall: Frankreich und Deutschland

8. October 2008 | Von Achim Broß | Kategorie: Buntes, Internationales, Weiterbildung

Deutschland und Frankreich liegen geographisch so nah beieinander, dass die Vermutung nicht fern liegt, dass die Mentalitäten von Deutschen und Franzosen so unterschiedlich nicht sein könnten. Trotzdem ist diese Annahme irreführend, und es wäre nicht das erste Mal, dass deutsch-französische Gemeinschaftsprojekte oder Firmenzusammenschlüsse aufgrund vollkommen unterschiedlicher Mentalitäten im Chaos enden.

Dieser Unterschied in Denken und Verhalten wird durch zwei Schulsysteme gefördert, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Die dadurch entstehende soziale Prägung lässt sich idealtypisch als Gegensatz zwischen einer individuellen (Frankreich) und kollektiven (Deutschland) Gesellschaft darstellen. Man denke nur einmal an das Verhalten von Deutschen und Franzosen vor einer roten Ampel. Während der Franzose in der Regel die rote Ampel überquert, wenn er sich vergewissert hat, dass keine Gefahr droht, würde dem Deutschen wohl nur selten einfallen, dasgleiche zu tun – selbst wenn kein Verkehr kommt.

Dies kann schnell zu Missverständnissen führen: Während der Deutsche dem Franzosen wohl vorwerfen würde, gegen die Verkehrsregeln zu verstoßen und Chaos zu verbreiten (man denke nur einmal an die Kinder!), müsste sich der Deutsche vom Franzosen Engstirnigkeit und kritikfreie Regelgläubigkeit vorhalten lassen müssen.

Zusammenarbeit von Deutschen und Franzosen - Quadratur des Kreises?

Zusammenarbeit von Deutschen und Franzosen - Quadratur des Kreises?

Dieser Gegensatz von Individualismus vs. Kollektivismus findet sich auch im betrieblichen Miteinander. Französische Arbeitnehmer sind es gewohnt, vom Chef (patron) unter Zeitdruck gesetzt zu werden. Es besteht in französischen Firmen auch ein relativ großes Distanzverhältnis zwischen Chef und Angestellten. In Konfliktsituationen lassen sich Forderungen der Angestellten häufig nur mit Streiks durchsetzen. Daher kann es nicht erstaunen, dass Streiks in Frankreich etwa nicht der Durchsetzung von Lohnforderungen (wie etwa in Deutschland) dienen, sondern bereits vor Beginn der Lohnverhandlungen die Tarifforderung untermauern sollen. Daher auch das häufige Vorurteil aus deutscher Sicht, dass Franzosen unglaublich streikfreudig sind. Dies mag zwar für die Anzahl der Streiks zutreffen, trotzdem gibt es in Frankreich weit weniger gewerkschaftlich organisierte Arbeitnehmer als dies in Deutschland der Fall ist. in Deutschland tritt der vergleichsweise hohe Grad an Gewerkschaftsmitgliedern jedoch nicht so in den Vordergrund, da Streiks nicht als “normal” erachtet werden, sondern letztes Mittel in einem eher konsensorientierten orientierten System sind.

Auch die Problemlösungsverfahren zwischen deutschen und französischen Firmen unterscheiden sich grundsätzlich. Während in Deutschland eine gute Lösung tendenziell eher darin besteht, das gestellte Problem von möglichst allen Seiten zu betrachten – was durchaus viel Zeit in Anspruch nehmen kann -
wird die französische Firma wohl eher versuchen, das Problem schnell und zielorientiert an seiner Wurzel zu packen – auf die Gefahr hin, dass es später noch einmal auftaucht.

Natürlich sind dies alles Schemata, die mit Vereinfachungen arbeiten und sich auch mit der Zeit wandeln können. Gerade im sich wandelnden deutschen Hochschulsystem scheinen die deutschen Bildungsanstalten zunehmend nach Elite zu streben. Und im benachbarten Hexagon, das seit Jahrzehnten seine elitäre Bildungsstruktur gepflegt hat, wachsen langsam die Zweifel, ob man denn nicht vielleicht durch “positive Diskriminierung” benachteiligten Jugendlichen bessere Startchancen beim Kampf um die Studienplätze in Frankreichs Eliteschulen einräumen muss – durch vereinfachte Zugangsprüfungen (concours).

Es ist also durchaus berechtigt, von kulturellen Unterschieden zwischen unseren beiden doch so nah beieinander liegenden Ländern zu reden. Und sich gegebenfalls mit einem interkulturellen Training professionell darauf vorzubereiten, wenn sich ein deutsch-französisches Projekt am Horizont abzeichnet. Vielleicht trägt ja gerade dies dazu bei, die Unterschiede abzubauen. Zumindest so lange es sie noch gibt, n’est-ce pas?

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