Zwischen Work-Life-Balance und Burnout
24. April 2008 | Von Anya Rutsche | Kategorie: Interview & Podcasts
im Interview mit Dr. Bärbel Kerber, Autorin und Journalistin
Welche Faktoren können Ihrer Meinung nach die Balance zwischen Beruf und Freizeit stören?
Daran maßgeblich beteiligt ist der „Fluch der ständigen Erreichbarkeit“, den wir durch die neuen Technologien (E-Mails und mobile Telefone, WLAN und Hotspots an allen Orten) auf uns lasten haben. Auf der einen Seite bescheren uns diese Technologien viele neue Freiheiten und Möglichkeiten, wie z. B. das Arbeiten von zu Hause und unterwegs sowie eine flexiblere Arbeitszeitgestaltung – indem ich Arbeit mit nach Hause nehmen kann, um im Gegenzug früher Feierabend machen zu können (und es aber dennoch meist nicht tue). In der Realität aber führen sie zumeist dazu, dass ich noch mehr Stunden am Tag pro Woche arbeite – alleine weil es nun die technischen Möglichkeiten dazu gibt, was gleichzeitig die Erwartungshaltung der Kollegen und Vorgesetzten prägt („der kann doch die Präsentation heute Abend noch rasch zu Hause durchschauen..“, schwingt da oft durch).
Unsere ganze Haltung hat sich durch die neuen Kommunikationstechnologien verändert. Alles muss schnell und zusätzlich und simultan gehen. Der Mensch soll ein bisschen wie eine Maschine funktionieren.
Ein anderer wesentlicher Grund für die angestiegenen Arbeits- bzw. Überstunden ist die so genannte „Vertrauensarbeitszeit“. Weil es häufig keine Arbeitszeitkontrollmechanismen (Abschaffung der Stechuhren) und Überstundenregelung mehr gibt, gewährt man zwar dem Mitarbeiter das (durchaus wünschenswerte) Vertrauen, dass dieser seine Arbeitszeit selbst im Blick hat und nicht kontrolliert werden muss. Gleichzeitig aber übertragt man ihm auch die Verantwortung, selbst dafür zu sorgen, dass er die ihm übertragenen Aufgaben in der vorgegeben Zeit erledigt. Das hat aber häufig zur Folge, dass die Mitarbeiter alles geben, um ihre Aufgaben abzuarbeiten – auch wenn es bedeutet, dass sie bis Mitternacht im Büro sitzen. Und sich Überstundenarbeit zur Regel einschleichen.
Woran erkennt man ein Defizit in der Work-Life-Balance?
Es beginnt meist mit Kleinigkeiten wie einem ständigen, fast zwanghaftem Überprüfen der E-Mails und der Handy-Mailbox. Es wird überall und immer das Handy eingeschaltet gelassen. Man fühlt sich unter dem Druck, nicht nachlassen zu dürfen und ständig für alles verantwortlich zu sein. Dazu kommt Gereiztheit, man fährt leicht aus der Haut und hat das Gefühl, Druck ablassen zu müssen. Wobei dies vom Charakter abhängt – andere lenken den Druck nach innen oder tauchen ab und zu ab bzw. klinken sich aus.
Müdigkeit, Leistungsabfall, Vergesslichkeit, Lustlosigkeit sind meist auch zu beobachten.
Welche Gefahren entstehen in einer Ungleichgewichtung?
Wer auf Dauer beruflich Vollgas gibt und seine anderen Bedürfnisse ignoriert, riskiert gesundheitliche Probleme (Herz-Kreislauf-Probleme, Magen-Darm-Erkrankungen etc.) bis hin zum Burnout-Syndrom. Und – was nicht minder von Gewicht ist – er provoziert Partnerschaftsprobleme: Lebenspartner und/oder Kinder fühlen sich vernachlässigt und wenden sich von einem ab. Die Lebenslust geht verloren, man lebt im ständigem Gefühl, etwas zu verpassen und im Hamsterrad zu laufen. Ein Gefühl der Auswegslosigkeit ist häufig.
Was kann der Arbeitnehmer selbst für eine bessere WLB tun?
Das Wichtigste zunächst ist, sich überhaupt des Problems bewusst zu werden. Nur wer bemerkt, dass etwas in Schieflage geraten ist, kann offen dafür sein, etwas daran ändern zu wollen.
Offenheit gegenüber Kollegen und Vorgesetzten ist der nächste Schritt: das heißt sich und anderen eingestehen, dass man sich überfordert fühlt und Entlastung braucht. Das kostet gerade in heutigen Zeiten, in denen der eigene Arbeitsplatz stets auf der Kippe scheint, sehr viel Mut. Doch was sind die Alternativen? Wer seine Überarbeitung nicht thematisiert, sieht sich dazu gezwungen immer so weiterzumachen – bis zum Kollaps.
Ist das unmittelbare Arbeitsumfeld informiert, kann man versuchen, regelmäßig bewusster in seinen wohlverdienten Feierabend zu gehen – und diesen wirklich als Feierabend zu „feiern“, nämlich angefüllt mit Entspannung und Freizeit fern der Arbeit.
Helfen können auch eine stärkere Einbindung in ein Team. Arbeitsteilung und Zusammenarbeit sollte im wahrsten Sinne als solch eine „gelebt“ werden: Wenn wir (Teil-)Verantwortung an andere abgeben, gehört dazu auch, den Kollegen oder den eigenen Mitarbeitern zu vertrauen, dass diese die ihnen übertragenen Aufgaben ohne eigenes Zutun in ihrer Richtigkeit erledigen. „Loslassen“ hilft mir selbst und tut überdies dem Klima im eigenen Team gut, also dem Gefühl, gemeinsam an einem Strang zu ziehen.
Wie kann der Arbeitgeber dabei helfen?
Der Arbeitgeber kann eine „Feierabendkultur“ fördern, indem er seine Mitarbeiter dazu anhält, tatsächlich am Ende des Arbeitstags Schluss zu machen mit der Arbeit – faktisch wie gedanklich. „Abschalten“ ist hier das Stichwort. Vermitteln, dass vom Arbeitnehmer nicht erwartet wird, dass er abends oder am Wochenende noch zur Verfügung steht (natürlich gibt es Ausnahmesituationen – diese aber sollten „Ausnahmen“ bleiben). Ein Schritt dazu stellt das eigene Beispiel dar – Vorgesetzte haben hier eine Vorbildfunktion: Wenn sie es vorleben, wie das geht, zeigt das, dass es das Unternehmen ernst meint.
Ein weiteres Tool kann die Einführung und Förderung von Teilzeitarbeit sein. Immer noch ist vielen Unternehmen nicht klar, dass ein überarbeiteter Arbeitnehmer weniger leistet als einer, der pünktlich Arbeitsschluss macht und den Kopf frei macht für andere Dinge – die ihn dann auch über den Tellerrand des Unternehmens hinaus blicken und kreativer (zum Wohle des Unternehmens) werden lassen. Es gibt Studien, die nachweisen, dass Teilzeitkräfte oft dieselbe Arbeitsmenge in weniger Zeit leisten können – weil sie in ihrer Freizeit mehr Energie schöpfen können, ihre Aufgaben am nächsten Tag wieder mit Lust und Motivation zu erledigen.
An wen richtet sich ihr Buch „Die Arbeitsfalle: Wie man sein Leben zurückgewinnt!“ hauptsächlich? Wer ist am stärksten betroffen?
Das Buch richtet sich vor allem an Angestellte ohne Überstundenregelung (d. h. solche, bei denen laut Arbeitsvertrag mit dem Gehalt sämtliche eventuelle Zusatzstunden mit abgegolten sind – unabhängig vom Ausmaß? – und auch kein Abfeiern der Zusatzstunden vorgesehen ist). Daneben sind Freiberufler von dem Problem betroffen. Ich sehe das in meiner eigenen Arbeit täglich. Wer selbständig arbeitet, ist zwar meist besonders stark motiviert und zieht viel Befriedigung aus seiner Arbeit, tendiert aber auch stärker zur Selbstausbeutung. Weil es kein offizielles Ende des Arbeitstags gibt. Weil immer „noch was geht“, weil keiner sagt „nun ist aber genug“.
Was ist Ihr ganz persönlicher Tipp für ein Gleichgewicht zwischen Beruf und Freizeit?
Abends das Handy ausschalten und nicht mehr permanent die E-Mails checken. Hier hilft sich selbst Regeln für die E-Mail-Nutzung aufzustellen: z. B. nur einmal pro Stunde sich einloggen statt im Hintergrund seiner Arbeit das E-Mail-Programm offen zu haben – dies stört den Arbeitsfluss, weil man sich durch hereinkommende E-Mails immer wieder Herausreißen lässt und die eigentlich wichtigen Aufgaben wie eine Bugwelle bis zum Abend vor sich herschiebt.
Die Kollegen und Kunden in dieser Hinsicht „erziehen“ d. h. daran gewöhnen, dass man nicht sofort auf E-Mails an Anrufe reagiert, sondern sich Zeit dafür nimmt, wenn die vorrangigeren Dinge erledigt sind.
Ab und zu mal alle System ausschalten, das „Funkloch üben“. Man merkt dann selbst ganz rasch, dass diejenigen, die einen dringend erreichen wollen und müssen, dies auch auf anderem Wege (über die Sekretärin, das Fax o. ä.) schaffen. Vieles andere Unwichtigere erledigt sich magischerweise oft von ganz alleine – ohne jegliches eigene Zutun.
Betrachten Sie Ihre eigene Freizeit als „heilig“, machen Sie Termine nicht nur mit Kunden und Kollegen, sondern auch mit Ihrem Partner, Ihren Kindern, Freunden und sich selbst (für Sport, Kino etc.) – und behandeln Sie diese Termine als ebenso wichtig wie die geschäftlichen.
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Ich kann allen Arbeitgebern, denen das Wohlergehen ihrer Mitarbeiter am Herzen liegt sowie jedem, der länger als die reguläre Arbeitszeit im Büro sitz, das Buch “Die Arbeitsfalle” von Frau Dr. Kerber nur empfehlen. Vielen wird in diesem Buch sein eigenes “Arbeitsverhalten” wiedergespiegelt werden und Einige werden daraus die Erkenntnis ziehen, etwas ändern zu müssen, um die Freude am Privat- wie Arbeitsleben nicht zu verlieren. Absolute Burnout-Prävention!