Zeit für „Lebenslanges Lernen“
7. February 2008 | Von Anya Rutsche | Kategorie: Top-ThemaSeit mehr als dreißig Jahren irrlichtert das Postulat nach „Lebenslangem Lernen“ durch die bildungspolitische und -theoretische Arena; die Realität wird bisher davon wenig erleuchtet. Das könnte sich nun ändern: „Lebenslanges Lernen“ – LLL – ist als Anforderung in den Programmen fast aller Parteien, Verbände und in vielen offiziellen Dokumenten von der EU bis zu den „lernenden Regionen“ verankert: Politik, Unternehmerverbände und Gewerkschaften sind sich – bei durchaus divergierenden Interessenpositionen – einig über seinen hohen Stellenwert. Allerdings spannen sich die Alternativen zwischen Zwang zur Anpassung und Freiheit zur Entfaltung, zwischen „Lebenslänglichem Lernen“ oder „lebensentfaltender Bildung“ (vgl. ausführlich hierzu: Faulstich, Peter: Weiterbildung. München 2003).
„Lebenslängliches Lernen“ oder „lebensentfaltende Bildung“?
Die Karriere des Konzepts LLL ist Resultat eines Zeitbruchs. Eine Wandelmetaphorik, dass sich Anforderungen an Lernen und Wissen mit progressiver Dynamik ändern, ist zum zentralen Legitimationsmuster geworden. Der Weg zur „Wissensgesellschaft“, in der Lernen allgegenwärtig, permanent und total geworden sei, wird als das „zukunftsfähige“ und „nachhaltige“ Entwicklungsmodell ausgemalt. Die traditionelle Abgrenzung zwischen Lernzeiten und Erwerbszeiten wird zunehmend fraglich. Das Dreiphasenschema der Erwerbsbiographie von Ausbildung, Einsatz und Ruhestand wird flexibilisiert. Dabei entstehen neue Formen der Verschränkung von Arbeiten und Lernen. „Lifelong learning“ erhält biographische Kontinuität über alle Phasen des Lebens und entgrenzt sich aus den traditionellen Institutionen. Lernen wird im LLL-Konzept verteilt über die Lebensspanne, gegliedert in kürzere Abschnitte und erhält wachsenden Umfang.
Anspruchsüberlastung
„LLL“ ist gekennzeichnet durch große Spielräume der Ausgestaltung und Umsetzung: Wenn auf ökonomische Anpassung hingewiesen wird, droht permanente Umstellungsnotwendigkeit. Dies hat Kritik provoziert: „Lifelong learning“ hat in der deutschen Fassung als „lebenslanges Lernen“ einen negativen Mitklang – von „lebenslänglich“ in einer Zwangsanstalt. „Lebensbegleitend“ als mögliche Alternative klingt zu nebensächlich und könnte „sterbebegleitend“ werden; „lebensumspannend“ oder „lebensumfassend“, die ebenfalls als Stichwörter der Debatte auftauchen, haben fast totalitäre Konnotationen.
Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Gleichzeitig entsteht Gestaltungsoffenheit der eigenen Lebenszeit, für gelungenen Kompetenzerwerb, biographische Neuorientierung und individuelle Arbeitsplatzsicherung verbunden mit aktiver Erweiterung der eigenen Horizonte und Handlungsmöglichkeiten. So bleibt Bildung ein Entwurf, der nach wie vor Lernen auf individuelle und gesellschaftliche Perspektiven hin orientieren kann. Also: lebensentfaltende Bildung.
Wenn es nicht um die Banalität gehen soll, dass wir lernen, solange wir leben, ist mit LLL ein Strukturkonzept der Aneignung und Vermittlung in intentionalen Lernprozessen verteilt über die Lebensphasen gemeint.
„Symbolische Politik“
Allerdings erleben wir einen krassen Gegensatz zwischen Bedeutungszuwachs und Umfangswachstum von Weiterbildung einerseits und ihrer Umsetzung und Gestaltung andererseits. Zum einen ist Teilnahme an Weiterbildung selbstverständlich geworden. Mittlerweile wird fast die Hälfte der Deutschen im Alter zwischen 19 und 64 in gezielte Lernaktivitäten einbezogen. Mehr als 20 Millionen Erwachsene beteiligen sich. Zum andern wächst Weiterbildung ausgehend von der Situation der 1960er Jahre, wo sie ein Randphänomen darstellte, in zunehmende Intransparenz unüberschaubarer Institutionen und Programme hinein: etwa 30.000 Weiterbildungsanbieter mit über 300.000 Programmen werden geschätzt.
Was notwendig wäre, ist eine expansive Politik für die Weiterbildung. Dies ist aber über Jahrzehnte versäumt worden. Angesichts der Finanzkrise des Staates gibt es eine deutliche Zurückhaltung durch die Angst, man müsse zahlen. Deshalb ziehen die politischen Akteure sich, obwohl gleichzeitig großartig von „lebenslangen Lernen“ geredet wird, auf symbolische Politik durch Sonntagsreden zurück und dies wird geschmückt mit Modellversuchen und Projekten.
Selektivität
Mit geklärter Strukturpolitik im Weiterbildungsbereich könnten zumindest einige Probleme, die in einem Ausschluss vom LLL kulminieren, aufgebrochen werden. Wir können in der Weiterbildung sogar von einer „doppelten Selektivität“ reden. Denn erstens erreicht sie immer noch nur einen Teil der erwachsenen Bevölkerung und zweitens sind diejenigen, die teilnehmen, eh schon die mit den höheren Schulabschlüssen und einer besser Stellung im Beruf. In einer Untersuchung über Lernwiderstände haben wir (Faulstich, Peter: Lernwiderstände. Hamburg 2005), Hemmnisse, Schranken und fehlende Lerngründe systematisiert. Lernhemmnisse entstehen aus sozialen Strukturen unterschiedlicher Herkunft, der Stellung in der Erwerbstätigkeit, Alter, Familie, aber auch regionalen Disparitäten. Lernschranken werden durch die Institutionen selbst errichtet: Erreichbarkeit, Thematiken der Angebote, Organisation des Lernens, Personal, sowie Information, Transparenz und Beratung.
Hemmnisse und Schranken werden aber erst wirksam, indem Gründe für Teilnahme und Nicht-Teilnahme von den Individuen selbst geprüft werden. Dies wird zur Frage, inwieweit die Thematiken des Lernens für die Lernenden selbst mit Bedeutsamkeit versehen sind. Es spitzt sich zu: „Macht es Sinn weiterzulernen? „Lohnt es sich Zeit, Geld und Fleiß in LLL zu stecken?“
Lernzeiten zur Teilhabe
Wenn beim LLL nicht unaufhörliche Hetze angesagt sein soll, braucht es gleichzeitig individuelle Beteiligungsbereitschaft, gemeinsame Verantwortung und gesicherte Ordnung. Strategien von Weiterbildungsentwicklung erfordern eine Sicherung von „Lernzeiten“ (Faulstich. Hamburg 2002).
Die Resultate des Konzepts LLL werden also davon abhängen, in welcher Weise es umgesetzt wird. Ein „Kompetenzentwicklungspfad“ muss abgesichert werden, durch wirtschaftspolitische, auch finanz- und steuerpolitische Rahmenbedingungen, ohne die alle Perspektiven zu Postulaten verkommen.
Doppelte Paradoxie gegenwärtiger Zeitpolitik
Diejenigen, die in Erwerbstätigkeit stehen arbeiten immer länger; wer heraus gefallen ist, bleibt langfristig auf Erwerbszeit null – die Langzeitarbeitslosen. Hintergrund für diese Paradoxie ist, das kurzfristige staatliche Finanzkalküle, um Rente einzusparen, Priorität gegenüber der langfristig notwendigen Neuverteilung der vorhandenen Erwerbszeit erhalten.
Dazu kommt als zweite Paradoxie eine Umdrehung bisheriger Debatten über Freistellung für Lernen. War in den 1960er Jahren die Forderung der Gewerkschaften, Urlaub für Bildung zu erhalten, postulieren in den 2000er Jahren die Unternehmerverbände, Urlaub für Bildung zu verwenden.
So gerät das LLL-Postulat in die gesellschaftlichen Zeitkämpfe.
Hinweise:
- Faulstich, Peter: Weiterbildung. Begründungen lebensentfaltender Bildung. München 2003
- Faulstich, Peter (Hrsg.): Lernzeiten. Hamburg 2002
- Faulstich, Peter (Hrsg.): Lernwiderstände. Hamburg 2005
[...] Lebenslanges Lernen – von der Kindheit bis ins Alter – um den Anforderungen der Globalisierung gerecht zu [...]